Leckt Merz Eier?

Eine Frage, die niemand mit Ernst gestellt hat, mit der Ernsthaftigkeit behandelt, die sie verdient. Über Duden-Lesarten, den Erzeugercode auf der Schale und 17.882 Eier.

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Zwei braune Hühnereier auf hellem Grund, beide tragen den aufgedruckten Erzeugercode 2SI070102.

Die Frage ist bislang unbeantwortet geblieben. Das dürfte daran liegen, dass sie niemand Ernsthaft gestellt hat. Wir holen das nach.

Was „lecken" bedeutet

Zunächst ist der Begriff zu klären. Der Duden führt 3 Lesarten: mit der Zunge über etwas streichen; mit der Zunge als Nahrung aufnehmen; ablecken ; das Stimulieren von Geschlechtsteilen durch das Lecken. Als Synonyme nennt er ablecken, lutschen und, umgangssprachlich, schlabbern.

Wir legen im Folgenden die erste Lesart zugrunde. Die zweite ist voraussetzungsvoller, weil sie einen flüssigen oder halbfesten Aggregatzustand verlangt — beim rohen Ei gegeben, beim hartgekochten nicht. Die dritte ist ein Sonderfall der ersten und trägt für die Untersuchung nichts bei.

Von welchen Eiern reden wir?

Hier wird es unerwartet präzise. Seit dem 1. Januar 2004 muss jedes Ei, das in der Europäischen Union in den Handel kommt, einen Erzeugercode auf der Schale tragen. Das ist keine Empfehlung, sondern Pflicht, und der Code ist vollständig entschlüsselbar.

Ein braunes Hühnerei mit dem rot aufgedruckten Erzeugercode 0-DE-1344461.
Vollständig identifiziert: 0-DE-1344461.Foto: BMK, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Die erste Ziffer bezeichnet die Haltungsform: 0 für ökologische Erzeugung, 1 für Freiland, 2 für Boden, 3 für Käfig. Es folgen 2 Buchstaben für den Mitgliedstaat. Bei deutschen Eiern schließen sich 7 Ziffern an — die ersten beiden für das Bundesland, die nächsten vier für den Betrieb, die letzte für den Stall.

Das Ei auf der Abbildung trägt den Code 0-DE-1344461. Es stammt demnach aus ökologischer Erzeugung, aus Deutschland, aus Mecklenburg-Vorpommern (13), aus dem Betrieb 4446, dort aus Stall 1.

Wir wissen über die Herkunft dieses Eis mehr als über die der meisten Menschen, die es essen.

Für die Ausgangsfrage folgt daraus eine Präzisierung. Sie lautet nicht „leckt Merz Eier", sondern: über welche Erzeugercodes streicht der Bundeskanzler mit der Zunge? Ein Ei aus seinem Geburtsort Brilon im Hochsauerland trüge an fünfter und sechster Stelle die 05.

Die vier Ziffern und was aus ihnen wurde

Die Verteilung ist amtlich erhoben. 2025 entfielen auf Bodenhaltung 57,6 % der in Deutschland erzeugten Eier, auf Freilandhaltung 24,7 %, auf ökologische Erzeugung 14,6 % und auf Kleingruppenhaltung 3,1 %. Erzeugt wurden dabei rund 13,7 Milliarden Eier von durchschnittlich 45,2 Millionen Legehennen.

Die Ziffer 3 ist dabei zu einem historischen Gegenstand geworden. Käfighaltung ist in Deutschland seit dem 1. Januar 2026 verboten. Ein Ei mit führender 3 kann seither nicht mehr aus deutscher Erzeugung stammen — wer eines findet, hält ein Importprodukt in der Hand.

Damit reduziert sich die Zahl der Codes, über die der Bundeskanzler im Inland überhaupt mit der Zunge streichen könnte, auf 3.

Wie viele Eier kommen infrage?

Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 2025 bei 252 Eiern im Jahr, ein Höchststand. 2022 waren es noch 234. Insgesamt wurden 21 Milliarden Eier verbraucht.

Über eine Lebensspanne ergibt das eine Zahl, die sich beziffern lässt, wenn man die veröffentlichten Stützpunkte verbindet: 1950 lag der Verbrauch bei 136 Eiern je Kopf, 1972 erreichte er in der Bundesrepublik mit 292 seinen Höchstwert, 1983 lag er bei 280, 2015 bei 232.

Friedrich Merz wurde am 11. November 1955 in Brilon geboren. Interpoliert man zwischen den genannten Stützpunkten und rechnet bis zum heutigen Tag, ergibt sich ein statistischer Lebensverbrauch von 17.882 Eiern.

An dieser Stelle ist eine methodische Einschränkung angebracht, und sie ist ernst gemeint. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist ein Durchschnitt über die gesamte Bevölkerung, Säuglinge eingeschlossen; niemand isst in seinem ersten Lebensjahr 171 Eier. Die Zahl beschreibt ein statistisches Konstrukt, keine Person. Sie sagt über den Bundeskanzler exakt so viel aus wie über jeden anderen Jahrgang 1955.

Die Souveränitätsfrage

Bemerkenswerter als die Menge ist die Herkunft. Der Selbstversorgungsgrad Deutschlands bei Konsumeiern liegt bei rund 72 %. Gut jedes vierte Ei ist ein Import.

Auf die eben errechnete Lebensmenge angewandt, bedeutet das: Rund 5.000 der 17.882 Eier stammen rechnerisch nicht aus deutscher Erzeugung. Ob sich das mit der wiederholt betonten Bedeutung nationaler Souveränität vereinbaren lässt, war bislang nicht Gegenstand der öffentlichen Debatte.

Fazit

Die Ausgangsfrage muss offenbleiben, und zwar aus drei Gründen.

Erstens fehlt jede Beobachtung. Es liegen keine belastbaren Angaben zu den Frühstücksgewohnheiten des Bundeskanzlers vor, und es besteht auch kein öffentliches Interesse daran, welche zu beschaffen.

Zweitens ist der Gegenstand nicht hinreichend bestimmt. Selbst innerhalb der Klasse der Hühnereier stehen 4 Haltungsformen, 16 Bundesländer und mehrere tausend Betriebe zur Auswahl. Eine Aussage über „Eier" ohne Angabe des Erzeugercodes ist unpräzise bis zur Bedeutungslosigkeit.

Drittens ist die Handlung selbst unwahrscheinlich. Das Ei wird üblicherweise gelöffelt, gepellt oder geschlagen. Für das Streichen mit der Zunge über eine intakte Kalkschale gibt es weder einen kulinarischen Anlass noch eine überlieferte Praxis.

Was bei der Untersuchung allerdings anfiel, ist ein Nebenertrag: Auf jedem Ei in Ihrem Kühlschrank steht, aus welchem Stall es kommt. Diese Angabe ist seit 22 Jahren Pflicht, sie ist kostenlos, sie ist vollständig lesbar — und kaum jemand liest sie.

Insofern hat sich die Frage doch gelohnt.

Zur Datengrundlage

Aufbau des Erzeugercodes und die Zuordnung der Bundeslandnummern: Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Kennzeichnungspflicht seit dem 1. Januar 2004. Verteilung der Haltungsformen und Erzeugungsmengen 2025: Statistisches Bundesamt. Pro-Kopf-Verbrauch und Selbstversorgungsgrad: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, vorläufige Angaben für 2025. Historische Verbrauchswerte aus veröffentlichten Zeitreihen; die Werte zwischen den Stützpunkten sind linear interpoliert und entsprechend ungenau. Geburtsdatum und Geburtsort nach dem amtlichen Lebenslauf.

Bildnachweise: Titelbild und Aufmacher Melaleuca alternifolia (CC BY-SA 4.0), Ei mit deutschem Code BMK (CC BY-SA 3.0), Eier mit spanischem Code Lameiro (gemeinfrei), sämtlich über Wikimedia Commons.