Nicht die Profisoftware fehlt, sondern die Mittelklasse

Auf Linux läuft kein Photoshop. Aber Nuke, Maya, Houdini und Flame laufen dort, und Autodesk Flame läuft nicht einmal auf Windows. Eine Auswertung von 35 Anwendungen und ihren offiziellen Systemvoraussetzungen.

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Bildmontage: Ein Pinguin schaut zu Boden, während die Logos von Adobe, DaVinci Resolve, Affinity und Capture One über ihm schweben.

Es gibt einen Satz, der in jeder Diskussion über Linux auf dem Schreibtisch fällt: Für ernsthafte Arbeit fehlt die Software. Kein Photoshop, kein Premiere, kein AutoCAD.

Der Satz stimmt in seinen Beispielen und ist in seiner Schlussfolgerung trotzdem falsch. Nuke läuft auf Linux. Maya, Houdini, Katana und Mari laufen auf Linux. Autodesk Flame läuft auf Linux — und nicht auf Windows. Die Bilder in den Filmen, über die man danach redet, entstehen zu großen Teilen auf genau diesem System.

Wir haben deshalb nicht gefragt, ob Profisoftware für Linux fehlt, sondern welche. Ausgewertet haben wir die offiziellen Systemvoraussetzungen von 35 Anwendungen aus Fotografie, Videoschnitt, 3D und CAD.

Was fehlt und was nicht

Tabelle mit 35 Anwendungen und ihrer Verfügbarkeit unter Windows, macOS und Linux, gruppiert nach Foto, Video, 3D und CAD.
Jede Zeile geprüft gegen die Angaben des Herstellers. Die halben Kreise sind die interessanten Fälle.LYLA Media, nach den Systemvoraussetzungen der Hersteller

Auf der Fehlliste steht, was man erwartet: Photoshop, Lightroom Classic, Premiere Pro und After Effects gibt es nur für Windows und macOS. Dazu Affinity Photo, Capture One, Avid Media Composer, AutoCAD, Inventor, Fusion, SolidWorks, PTC Creo und CATIA V5. 3ds Max läuft sogar nur unter Windows, nicht einmal auf dem Mac.

Auf der anderen Seite steht eine Liste, die in der Diskussion selten vorkommt: Maya, Houdini, Katana, Mari, Nuke, Flame, DaVinci Resolve, Siemens NX, Ansys, BricsCAD. Alles kommerzielle Programme mit Lizenzkosten, alles offiziell für Linux.

Der Unterschied zwischen den beiden Listen ist nicht die Anspruchshöhe. Nuke kostet mehr als Photoshop. Der Unterschied ist, wer bezahlt.

Auf der Fehlliste steht durchgehend Software, die Einzelpersonen selbst kaufen. Auf der anderen steht Software, die Studios und Konstruktionsabteilungen im Rahmenvertrag kaufen — und die dabei vorgeben, auf welchem Betriebssystem sie laufen soll.

Drei Fälle, die das Muster verraten

Am deutlichsten wird es dort, wo Hersteller Linux teilweise unterstützen. Diese Grenzfälle sagen mehr aus als die klaren Ja- und Nein-Fälle.

Adobe hat Linux-Software. Genau eine: Substance 3D Painter, offiziell für CentOS und Ubuntu ab 20.04. Der Haken steht in den Lizenzbedingungen — die Linux-Fassung ist nur mit einem Creative-Cloud-Plan für Teams zu haben. Als Einzelperson kann man sie nicht abonnieren. Adobe baut also durchaus für Linux. Nur nicht für dich.

Maxons Cinema 4D unterstützt Linux ebenfalls — aber ausschließlich als Kommandozeilen-Renderer, ohne Oberfläche. Der Teil, den eine Renderfarm braucht, ist portiert. Der Teil, den ein Mensch bedient, nicht.

Und Autodesk Flame läuft auf Rocky Linux und auf macOS, aber nicht unter Windows. Bei Foundrys Katana und Mari fehlt umgekehrt macOS. Diese Programme richten sich schlicht nicht nach dem, was Privatleute zu Hause stehen haben.

Es gibt zwei Linuxe

Der zweite Befund war für uns der überraschendere. Wenn Profisoftware „Linux" sagt, meint sie fast nie das Linux, das Privatleute benutzen.

Nuke nennt als offiziell unterstütztes System ausschließlich Rocky Linux 9. Ubuntu und Fedora, so Foundry, könnten funktionieren, seien aber nicht unterstützt. Maya nennt Red Hat Enterprise 8.10, 9.3 und 9.5 sowie Rocky in denselben Fassungen. Katana verlangt Rocky 9, Mari Rocky oder RHEL 9. Siemens NX und Ansys laufen auf RHEL, Rocky und SUSE Enterprise.

Dahinter steht ein Industriegremium. Die VFX Reference Platform legt jedes Jahr fest, welche Bibliotheksversionen die Branche gemeinsam benutzt; die Ausgabe für 2026 gilt seit dem 1. Januar und richtet Studios auf RHEL 9 beziehungsweise dessen Nachbauten Rocky und AlmaLinux aus. Wer sich daran nicht hält, bekommt eine Werkzeugkette, deren Teile nicht mehr zusammenpassen.

Das Linux der Profisoftware ist damit das Linux der Rechnerräume — eine unternehmensverwaltete Distribution mit langen Wartungszyklen. Nicht das Ubuntu, das jemand am Wochenende installiert.

Zwei Ausnahmen gibt es, und sie sind aufschlussreich. SideFX nennt für Houdini ausdrücklich Ubuntu, Debian, Fedora, Linux Mint, Pop!_OS und AlmaLinux. BricsCAD nennt Ubuntu, Fedora und openSUSE. Beides sind Hersteller, die Einzelpersonen als Kunden ernst nehmen.

Im CAD verläuft die Grenze anders

Beim Film trennt die Linie zwischen groß und klein. Bei der Konstruktion trennt sie zwischen Disziplinen.

Simulation und Produktdatenmanagement sind auf Linux: Ansys und Siemens NX laufen dort seit Langem, weil sie ohnehin auf Rechenclustern arbeiten. Das klassische Konstruktionswerkzeug am Arbeitsplatz ist es nicht — weder AutoCAD noch Inventor, weder SolidWorks noch Creo noch CATIA V5.

Die Ausnahme heißt BricsCAD. Ein kommerzielles Programm, das nativ unter Linux läuft, DWG-Dateien liest und schreibt und AutoLISP beherrscht. Es zeigt, dass die Aufgabe technisch lösbar ist. Dass sie außer von Bricsys niemand löst, ist eine Marktentscheidung, keine technische.

Was es stattdessen gibt — und wo es klemmt

Für alle drei Bereiche existieren freie Alternativen. Sie sind besser als ihr Ruf und trotzdem an bestimmten Stellen nicht austauschbar. Diese Stellen lassen sich benennen, statt sie zu behaupten.

Fotografie

darktable und RawTherapee entwickeln Rohdaten, Krita zeichnet, GIMP bearbeitet Pixel. Der Kameraunterstützung fehlt dabei wenig: Allein die Rohdatenbibliothek hinter darktable führt 1.391 Kameramodelle.

Die harte Grenze liegt woanders, nämlich in der Druckvorstufe. GIMP kann seit Version 3.0 CMYK-Dateien öffnen und schreiben und über ein Farbprofil eine Druckvorschau anzeigen. Was es nicht kann, ist im CMYK-Farbraum arbeiten. Man baut in RGB und wandelt am Schluss um. Für alles, was in den Druck geht, ist das der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einem Umweg.

Videoschnitt

Hier liegt der Fall besonders schief, weil das Problem nicht die freien Programme sind. Kdenlive und Shotcut tun, was sie sollen.

Das Problem ist die kommerzielle Software, die es gibt. DaVinci Resolve läuft offiziell auf Linux — aber die kostenlose Fassung dekodiert und kodiert dort weder H.264 noch H.265, aus Gründen der Patentlizenzierung. Und AAC-Ton unterstützt keine der beiden Fassungen, auch die für 299 Dollar nicht.

Wer Material aus einem Telefon oder einer Consumer-Kamera schneiden will, muss es also erst mit einem zweiten Werkzeug nach DNxHR oder ProRes wandeln. Der professionelle Schnittplatz ist da. Er kann nur die Datei nicht öffnen, die normale Menschen produzieren.

Konstruktion

FreeCAD hatte jahrelang ein grundsätzliches Problem: Änderte man eine frühe Skizze, verloren spätere Konstruktionsschritte ihren Bezug, weil sich die internen Namen von Kanten und Flächen verschoben. Das topologische Benennungsproblem galt als der Grund, das Programm nicht ernsthaft einzusetzen.

Version 1.0 hat einen Lösungsalgorithmus in den Hauptzweig übernommen. Damit ist der Einwand nicht mehr pauschal richtig — aber auch nicht erledigt: Nicht alle Funktionen nutzen den neuen Mechanismus bereits. Wer FreeCAD nach einem Test vor drei Jahren beurteilt, beurteilt ein anderes Programm.

Das Schloss ist nicht das Programm

Bei all dem geht der eigentliche Bindungsmechanismus leicht unter. Man kann GIMP statt Photoshop benutzen — aber nicht, wenn der Kunde eine geschichtete PSD zurückerwartet. Man kann FreeCAD statt SolidWorks benutzen — aber nicht, wenn der Zulieferer eine SLDPRT schickt.

Das Format entscheidet, nicht die Oberfläche. Deshalb ist BricsCAD die interessanteste Zeile der ganzen Tabelle: Es ist nicht das bessere Programm, es ist das kompatible. Und deshalb ist es das einzige kommerzielle Konstruktionswerkzeug auf dieser Liste, das ein Einzelner unter Linux benutzen kann.

Warum das so ist

Die naheliegende Erklärung ist der Marktanteil. StatCounter maß im Juni 2026 einen Linux-Anteil von 4,39 % bei Desktop-Betriebssystemen, gegenüber 56,55 % für Windows. Im April desselben Jahres waren es 2,99 %.

Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen: StatCounter zählt Seitenaufrufe, keine Geräte. Wer Werbeblocker und Tracking-Schutz benutzt — und das dürften Linux-Nutzer überdurchschnittlich oft tun —, taucht seltener auf.

Vor allem aber erklärt der Marktanteil die Tabelle nicht. Nuke hat weltweit weit weniger Kunden als Photoshop und unterstützt Linux trotzdem. Was zählt, ist nicht die Zahl der Nutzer, sondern die Struktur der Käufer: Wenn ein Kunde 300 Arbeitsplätze bestellt und dabei das Betriebssystem vorgibt, wird portiert. Wenn eine Million Einzelpersonen dasselbe wünschen, nicht.

Was Linux dabei besser kann

Ein Text, der nur Lücken zählt, erklärt nicht, warum ausgerechnet die aufwendigsten Produktionen der Welt freiwillig auf diesem System arbeiten.

Die Gründe sind unspektakulär und wiegen im Alltag schwer: Renderknoten lassen sich ohne Lizenzkosten für das Betriebssystem vervielfachen. Alles ist skriptbar, was bei tausenden Einzelbildern kein Komfort ist, sondern Voraussetzung. Und es startet sich nicht mitten in einer Nachtrenderung selbst neu.

Genau diese Eigenschaften nützen aber einem Studio mehr als einem Menschen mit einem Rechner. Das ist dieselbe Trennlinie wie in der Tabelle — nur von der anderen Seite gesehen.

Was bleibt

Die Aussage „für Linux gibt es keine Profisoftware" ist nach dieser Auswertung nicht haltbar. Die Aussage „für Linux gibt es keine Software, die ich als Einzelperson kaufen und benutzen kann" trifft es dagegen ziemlich genau — im Foto- und Konstruktionsbereich fast lückenlos, im Videoschnitt mit einer teuren Einschränkung, in 3D gar nicht, weil dort mit Blender das freie Programm ohnehin Industriestandard geworden ist.

Das Betriebssystem ist nicht das Hindernis. Das Geschäftsmodell ist es.

Zur Datengrundlage

Grundlage sind die offiziellen Systemvoraussetzungen und Downloadseiten der Hersteller, abgerufen im August 2026: Adobe, Autodesk, Foundry, SideFX, Maxon, Blackmagic Design, Siemens, Ansys, PTC, Dassault Systèmes, Bricsys, Avid und Capture One. Für die freien Programme die Downloadseiten der jeweiligen Projekte. Angaben zur VFX Reference Platform von vfxplatform.com.

Die Auswahl der 35 Anwendungen ist zweckgebunden, nicht repräsentativ: Aufgenommen wurden Programme, die in Fotografie, Videoschnitt, 3D oder CAD als Berufswerkzeug gelten. Versionsstände ändern sich; die Tabelle ist eine Momentaufnahme. Nicht geprüft haben wir, ob Programme über Kompatibilitätsschichten wie Wine laufen — es geht um offizielle Unterstützung durch den Hersteller, weil nur die im Störungsfall etwas wert ist.

Die Kamerazahl stammt aus der Gerätedatei der Rohdatenbibliothek rawspeed. Ein Vergleich mit Adobe Camera Raw war nicht möglich: Adobe veröffentlicht keine Gesamtzahl, und die Kameraliste war für uns nicht abrufbar.